„Mensch, mach mal Schabbat!“​

Aufhören, Ruhen und das Leben feiern - was wir vom jüdischen Schabbat lernen können.

Die gegenwärtige Covid-19-Krise zwingt viele von uns ins Homeoffice und aufgrund der Ausgangsbeschränkungen in die eigenen vier Wände. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind herausgefordert zu ruhen und uns letztlich mit uns selbst auseinanderzusetzen. Viele tun sich schwer damit. Kann es sein, dass wir es in unserer getriebenen Gesellschaft verlernt haben, mal innezuhalten und durchzuatmen?
„Alles Unglück des Menschen entstammt einer Ursache, nämlich dass sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer zu bleiben.“ (Blaise Pascal)
Eines der absoluten Höhepunkte meiner Israelreise im Dezember 2019 war es, in Jerusalem den Schabbat mitzuerleben. Bis dahin hatte ich den Schabbat mit unserem Sonntag verglichen. Doch weit gefehlt. Dieser wöchentlich wiederkehrende jüdische Feiertag ist mehr als nur ein Wochentag oder eine Tradition. Er ist tief in unserem innersten Menschsein verwurzelt. Er ist essentieller Teil unserer Bestimmung. Er ist Quelle von Inspiration, Kraft und ganzheitlicher Gesundheit.
Im Judentum ist der Schabbat der siebte Tag der Woche, an dem geruht und keine Arbeit verrichtet werden soll. Er beginnt am Freitag nach Sonnenuntergang und endet 25 Stunden später am Samstag. Das bedeutet, dass im westlichen Teil Jerusalems jeden Freitag mit Einbruch der Dunkelheit jedes jüdisches Restaurant und Geschäft geschlossen hat. Es fährt kein Bus und die Straßenbahn steht im Depot. Buntes und temperamentvolles Treiben in einem multikulturellen Hotspot verschiedenster Nationen und Religionen – übrigens wunderbar auf dem beliebten Mahane Yehuda Market erlebbar (siehe Foto oben) – verwandelt sich in eine friedvoll ruhende Atmosphäre. Menschen sind nur noch vereinzelt auf den Straßen. Vor allem orthodoxe Juden sieht man zu den Gebetszeiten entspannt in ihre Synagogen schlendern. Die sonst so umtriebige Metropole steht nahezu still. Soweit die Außensicht, die an sich bereits eine unfassbare Faszination auf mich ausübt. Das ganze Potenzial des Schabbats entfaltet sich jedoch erst bei einem Blick hinter die Kulissen. Im Rahmen meiner Reise habe ich die inspirierende Gelegenheit, gemeinsam mit Gästen aus Schweden und Hongkong bei Daniel Goldstein in Jersualem eine Schabbatfeier und jüdische Gastfreundschaft mitzuerleben.

L'CHAIM: Auf das Leben!

Die Juden achten den Schabbat als Respekt gegenüber der Schöpfung und ihrem Schöpfer. Nach sechs Tagen Schöpfungsarbeit ruhte Elohim am siebten Tag. In der jüdischen Tora ist das Prinzip der Ruhe im Schöpfungsgeschehen und später in den zehn Geboten niedergeschrieben und schließlich auf Basis vertiefender Traditionen und Rituale fest in der jüdischen Lebensführung verankert. Bei den religiösen Juden steht der Besuch der Synagoge auf dem Programm. Um die Anstrengungen am Schabbat zu minimieren, wählen orthodoxe Juden einen Wohnsitz in unmittelbarer Nähe zu ihrer Synagoge. Neben dem Studium und der Diskussion der wöchentlichen Thorapassage steht am Schabbat vor allem die gemeinsame Zeit mit der Familie im Fokus. Bei reichhaltigem und gutem Essen steht das gemeinschaftliche Miteinander im Mittelpunkt. Mit einem oder auch mehreren Gläsern edlem Wein wird „auf das Leben“ (hebräisch „L’chaim“) angestoßen. Trotz vieler leidvoller Erfahrungen in ihrer Geschichte verstehen es die Juden, das Leben in vollen Zügen zu genießen und zu feiern – und dabei am Schabbat ihre Arbeit ruhen zu lassen und auch nicht zum Gesprächshema zu machen.
Ja, ich bin fasziniert und habe mich spätestens an diesem Abend wieder mal verliebt. Verliebt in diesen wöchentlichen Tag der Ruhe, der uns – wie mir scheint – in der westlichen Welt irgendwie abhanden gekommen ist. Zumindest in der Konsequenz, wie ich sie in Jerusalem kennengelernt habe.
„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“ (Roger Willemsen)
Wir haben ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem verinnerlicht, das unablässig nach vorn powert. Auch der Sonntag macht davor nicht Halt – selbst unsere kirchlichen Strukturen haben mit ihren unzähligen Programmen mittlerweile einen Hochleistungstag daraus gemacht. Leistung scheint an Rastlosigkeit gekoppelt und führt immer mehr Menschen und Systeme in den Kollaps oder Burnout. Jetzt in der Covid-19-Krise – spätestens während der Ausgangsbeschränkungen – steht fast alles still. Und das urplötzlich, völlig unvorbereitet. Eine Vollbremsung von Hundert auf Null. Wie gehen wir mit dieser uns ungewohnten Situation um? Und was macht sie mit uns? Was fangen wir mit uns selbst an – losgelöst von permanentem Termindruck und hochsozialisiertem Alltagsleben?
Mit dem Rückblick auf mein Schabbat-Experience versuche ich der aktuellen Lage tatsächlich etwas Gutes, eine Chance für uns alle abzugewinnen. Vielleicht möchten auch Sie sich in dieser Zeit der äußeren Abkehr und inneren Einkehr von der einen oder anderen Schabbat-Inspiration anstecken lassen. Vielleicht machen Sie Entdeckungen, die Sie nach bewältigter Covid-19-Krise sogar in Ihrem Alltag beibehalten möchten?

Schabbat-Erkenntnis 1: Das Leben ist zum Genießen da.

Nach einer erfüllten und anstrengenden Arbeitswoche, aber auch im monotonen Alltag einer von Ausgangsbeschränkung geprägten Krise muss das Leben in seinen schönen Facetten wahrgenommen und gefeiert werden. Rituale sind Ankerpunkte im Leben, die Vorfreude wecken und vor allem dann als ausgleichender Faktor wichtig sind, wenn wir stressige Zeiten zu bestehen haben. Oft reicht schon ein kleines Ritual aus, um uns wirklich etwas Gutes zu tun. Mein persönliches Highlight ist der selbst gebrühte „Schabbat-Chino“ am Sonntag Nachmittag beim gemütlichen Plausch am Kaffeetisch mit meiner Frau.

Schabbat-Erkennntnis 2: Selbst-Bewusstes Leben gewinnt.

Nachdem es unter der Woche fokussiert um Verantwortung für andere Menschen und den beruflichen Kontext geht, gönne ich mir mindestens einmal pro Woche Zeit für mich ganz allein. Ein inspirierendes Buch, entspannende Musik bei einem Glas Wein, Meditation oder ein gemütlicher Spaziergang in der Natur – einfach ich selbst sein und meinen eigenen Bedürfnissen und Träumen auf die Spur kommen. Ich befürchte, dass uns die aktuelle Krise hierfür in den nächsten Wochen genügend Gelegenheiten bieten wird … – vielleicht auch die Herausforderung, mit uns selbst auszukommen?

Schabbat-Erkenntnis 3: Leben funktioniert auch offline.

Seit ich inspiriert von meinem Schabbat-Erlebnis aus Israel zurückgekehrt bin, verzichte ich von Samstag Abend bis Sonntag Abend 24 Stunden lang auf WLAN und schalte mein Telefon aus. Auch Themen des beruflichen Alltags stehen hinten an. Ich gewinne Abstand und Zeit ganz für mich allein und meine Familie. „Ich bin dann mal weg“ und doch voll da. Ganz nebenbei steigt die Vorfreude, am Sonntagabend gedanklich wieder in die vor mir liegende Woche einzusteigen, mit Freunden zu telefonieren oder aktuelle News über LinkedIn & Co abzurufen.

Schabbat-Erkenntnis 4: Echtes Miteinander tut gut.

Bei zunehmender Oberflächlichkeit und Instrumentalisierung des Lebens wächst die Sehnsucht nach Nähe und Menschlichkeit – auch wenn wir diese Aspekte des Lebens mitunter erst wieder einüben müssen. Als Gemeinschaftswesen brauchen wir Menschen an unserer Seite, mit denen wir ehrlich auf Augenhöhe die Höhen und Tiefen unseres Lebens teilen können. Wir brauchen Gelegenheiten, bei denen wir uns in die Augen statt in einen Screen blicken. Das kann ein Besuch bei oder von Freunden sein, bei dem es um mehr als nur um den Job, um`s Funktionieren oder um Vordergründiges geht. Wir brauchen Räume, in denen das Leben schön und ungeschönt zugleich mit all seinen Facetten in der Tiefe erfahrbar und teilbar wird. In der von Ausgangsbeschränkungen geprägten Krise bieten uns digitale Tools wie Skype, Facetime oder Zoom zumindest den virtuellen Blickkontakt.

Schabbat-Erkenntnis 5: Ich bin Teil eines größeren Ganzen.

Trotz aller berechtigter und wichtiger Selbstachtung dürfen wir uns nicht zu wichtig nehmen. Das Leben um uns herum geht auch ohne uns weiter. Vielleicht dürfen wir diesen existentiellen Punkt momentan in der Krise schmerzlich kennenlernen. Das Innehalten am Schabbat kann uns in die Grundauseinandersetzung mit unserer Identität führen: Ich bin Teil einer Schöpfung, einer Gesellschaft und einer Zeit. Zugleich wirft diese Begrenztheit die Frage auf: Was ist mein Beitrag – so bescheiden er auch sein mag? Und werde ich diesem Beitrag gegenwärtig gerecht?
Fotos: Daniel Börnert