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Bringt uns Covid-19 die Vernunft zurück?

Warum ich Adidas kritisiere und irgendwie doch wertschätzen möchte

2019 hat Adidas ein Rekordjahr hingelegt und fährt seit Jahren Milliardengewinne ein – dennoch verkündete das Unternehmen zu Beginn der Covid-19-Krise, die Mietzahlungen für seine Filialen im April auszusetzen. Nachdem erste Boykottaufrufe in der Öffentlichkeit den Druck auf den Sportwarenhersteller spürbar erhöht hatten, lenkte Adidas schließlich ein und kündigte an, zumindest den privaten Vermietern weiterhin die Miete zu bezahlen. Wenig später machte der Sportwarenhersteller in einem offenen Brief endlich ganze Sache.
„Wir haben einen Fehler gemacht und damit viel Vertrauen verspielt. Es wird dauern, Ihr Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Aber wir werden alles dafür tun. Deshalb möchten wir uns bei Ihnen in aller Form entschuldigen. Wir haben unseren Vermietern die Miete für April bezahlt. Fairness und Teamgeist sind seit jeher eng mit Adidas verknüpft und sollen es auch bleiben.“
Einerseits ziehe ich meinen Hut vor diesem klaren und ehrlichen Statement. Andererseits bleibt bei mir irgendwie ein fahler Beigeschmack zurück. Eine Marke, die gerade in der Krise Verantwortung und Charakter zeigt, sollte sich von Anfang an in einem anderen Licht präsentieren. So könnte sie sich einen größeren Schaden ersparen und Vertrauen positiv nutzen. Gerade in ungewisser Zeit, in der eine Marke gegenüber ihren Zielgruppen für Orientierung und Sicherheit einstehen sollte.
Es ist unumstritten, dass Einzelhandelsmarken insbesondere in den Toplagen deutscher Großstädte mittlerweile horrende Mietausgaben zu begleichen haben und der Immobilienmarkt seit einigen Jahren mehr und mehr aus dem Ruder läuft. Auch hier regiert mittlerweile eher die Gier als Vernunft oder Fairness. Jetzt in der Krise führt der Mietwahnsinn die Mieter zwangsläufig und überraschend schnell in die bittere Realität der eigens getroffenen Entscheidungen. Doch geschieht das wirklich völlig überraschend? Denn letztlich haben sich Adidas, H&M, Deichmann – und wie sie alle heißen – vor der Krise nicht dazu durchgerungen, den Wahnsinn zu durchbrechen. Stattdessen wurde das Spiel weiter munter mitgespielt. Nun fordert die Krise ihr Lehrgeld ein. Doch dieses will oder kann man eigentlich nicht bezahlen.

War man sich eigentlich vor Corona der Tragweite seiner Entscheidungen bewusst?

Als Beobachter empfinde ich es zumindest naheliegend, diese Frage mit nein zu beantworten. Wäre es nicht längst an der Zeit gewesen, Vernunft walten zu lassen und wirklich wertschöpfende Entscheidungen zu treffen? Warum nur hatte bisher kaum einer die Courage, aus der endlosen Schleife nach noch mehr Profitstreben auszusteigen? Selbst bei meine ganz persönlichen Entscheidungen vor der Krise erscheinen plötzlich in einem ganz anderen Licht. Ich muss heute eingestehen, wie wenig ich sie mitunter auf Basis von wirklicher Relevanz und weitsichtiger Vernunft getroffen habe. Statt meine Bücher, Elektrogeräte und vieles mehr beim örtlichen Einzelhändler meines Vertrauens zu erwerben, habe ich mich all zu oft von vorgegaukeltem Servicennutzen und meiner eigenen Bequemlichkeit verleiten lassen und beim Online-Giganten A… bestellt.

Holen wir uns die Vernunft jetzt in der Krise wieder zurück?

Aus meiner Sicht ist es nicht das Problem, dass Fehler geschehen oder Fehlentscheidungen getroffen werden. Sind wir doch ehrlich. Wir alle sind letzten Endes fehlbare Menschen mit unseren Ecken und Kanten. Auch Unternehmen und Marken werden von Menschen geführt. Aber wir sollten zumindest jetzt, da die Krise grundlegende und in Strukturen verfestigte Probleme offenbart, ehrlich Farbe bekennen und die Chance nutzen, um endlich neue Wege einzuschlagen. Die Zeit ist endgültig vorbei, in der wir den schwarzen Peter weiterhin sonst wo hinschieben ohne vor der eigenen Haustüre zu kehren. Wir sollten uns endlich ins Gedächtnis rufen, dass wir alle Verantwortung tragen. Verantwortung nicht nur für uns, sondern für unser gesamtes Miteinander und unsere globale Zukunft. Ausgangsbeschränkungen führen uns momentan – ob wir es wollen oder nicht – in die Auseindersetzung mit uns und unseren Motiven. Wir haben jetzt die Chance innezuhalten und zu entdecken, was wirklich wichtig ist. Es ist jetzt an der Zeit, echte Werte und Schätze in uns zu entdecken, ins Leben zu bringen und diese Welt zukunftsfähig zu gestalten.

Systemrelevanz als Antwort der Krise auf die Frage nach der Vernunft

Richten wir unseren Blick auf die in diesen Tagen längst überfällig als systemrelevante Berufe aufgewerteten und vielleicht wahren Vernunftsträger in unserer Gesellschaft. Beispielsweise unsere Ärzte, Pfleger, Landwirte oder die Lebensmittelproduktion und -händler. Dieser Blick zeigt, was in der Krise wirklich wichtig ist und uns alle zusammen und am Leben hält. Was zeichnet diese Berufe aus? Aus meiner Sicht werden dort sicher nicht überall und jederzeit, aber doch im Wesentlichen vernunftgeleitete Entscheidungen gefällt. Sie sind für unsere grundlegendsten Bedürfnisse da. Vor allem jetzt in der Krise – wenn unsere Grundbedürfnisse verstärkt an Bedeutung gewinnen – merken wir, was wir an ihnen haben. In Wirklichkeit verdienen sie aber genauso in Zeiten des Wohlstands unsere Wertschätzung, eine gerechtere Honorierung und bessere Arbeitsbedingungen. Während die Krise manch eine hochstilisierte und budgetschwere Marke in die Knie zwingt, können uns jetzt vor allem systemrelevante Unternehmen Vorbild sein und die Richtung weisen, wie unsere Zukunft vernünftig gelingen kann.

Auf welchem Boden gedeihen vernunftgeleitete Entscheidungen?

Ich möchte drei elementare Grundvoraussetzungen nennen, die vernünftige Entscheidungen und vernünftiges Miteinander ermöglichen. Die gute Botschaft ist, dass jeder von uns alle drei Voraussetzungen aktiv mitgestalten kann – schon jetzt in der Krise und in der Zeit danach. Je mehr Menschen sich dieser wertschöpfenden Aufgabe stellen, desto mehr werden wir positive Veränderung erleben und davon profitieren.
1. Wir brauchen wertschöpfende Individuen mit Haltung – denn Entscheidungen werden auf allen Ebenen unseres Miteinanders von Menschen getroffen.
Jeder einzelne Mensch stellt in seinem Umfeld die Weiche für Vernunft oder Unvernunft. Letztlich ist es über Jahrzehnte multiplizierte menschliche Unvernunft, die uns in die aktuelle Covid-19-Krise geführt hat. Gleichzeitig kann es nur die Vernunft sein, die uns aus der Krise in die Zukunft führt.
Wo haben Sie schon jetzt und nach der Krise die Möglichkeit, vernünftiges Veränderungspotenzial in Ihrem beruflichen und persönlichen Umfeld einzubringen?
2. Wir brauchen wertschöpfende Rahmenbedingungen – denn sie honorieren und bilden einen gesunden Rahmen für vernünftige Entscheidungen.
In einem demokratischen System ist das Volk im Sinne von „res publica res populi“ mitgestaltender Teil der Politik. Vielleicht sollten wir gerade in Zeiten von Covid-19 den von uns gewählten Volksvertretern mehr konstruktiven Rückenwind geben statt uns über deren Entscheidungen in den sozialen Netzwerken abwertend zu äußern. Rahmengeber brauchen vernünftigen Input und vor allem unser Vertrauen.
In welchen Bereichen und wie möchten Sie sich schon jetzt und nach der Krise konstruktiv für vernünftige Rahmenbedingungen einsetzen?
3. Wir brauchen wertschöpfende Unternehmen und Organisationen, die sich als glaubwürdige Marken verstehen – denn der gelebte Beziehungscharakter zwischen Marke und Zielgruppen reflektiert, verifiziert und korrigiert Entscheidungen.
Nochmal zurück zu Adidas. Vor allem in Zeiten der Krise kommt es darauf an, seinen Zielgruppen Orientierung und Vertrauen zu schenken. Geschieht dies wie im vorliegenden Fall nicht, meldet sich – unterstützt durch unser mittlerweile omnipräsentes Informationszeitalter – die Markencommunity zu Wort. Im besten Fall reagiert die Marke und lenkt ein, wie es Adidas bewiesen hat. Genau darin liegt das Zukunftspotenzial der Krise. Miteinander können wir Dinge zum Guten verändern.
Welche vernünftigen Unternehmen und Organisationen möchten Sie schon jetzt und nach der Krise unterstützen – auch wenn Sie dafür vielleicht künftig verzichten oder Ihr bisheriges Verhalten grundlegend ändern müssen?

Vernunft lässt uns auf eine bessere Zukunft hoffen.

Vielleicht können wir durch die Reflexion dieser drei Bereiche der Krise sogar etwas Gutes abgewinnen – nämlich die positive Sicht auf eine Zukunft, die jeder von uns aktiv und vor allem vernünftig mitgestalten kann.
Es gibt viel Vernünftiges zu bewirken. Packen wir es bereits jetzt gemeinsam an!
Fotos: Alexandra Koch, Gerd Altmann (pixabay.com)